Begriffe · 6. Klasse

Ludwig der Große – wichtige Begriffe

Was war das Neuntel? Warum war ererbter Adelsbesitz an die Verwandtschaft gebunden? Was war ein Grundherrengericht, und was bedeutete die Formulierung, dass die Adligen „eine und dieselbe Freiheit“ genießen? Hier ordnen wir die wichtigsten Begriffe aus der Zeit Ludwigs I.

Die vier wichtigsten Begriffe dieser Lektion: Neuntel, Avitizität, Grundherrengericht und Adeliger. Am Ende findest du weitere Begriffe, die dir helfen, die Epoche sicher zu verstehen.
Neuntel Avitizität Grundherrengericht Adeliger
1. Hauptbegriff

Neuntel – eine Abgabe an den Grundherrn

Der Name „Neuntel“ ist leicht misszuverstehen. Gemeint war nicht einfach ein Neuntel des gesamten Ertrags. Die mittelalterliche nona wurde in der historischen Literatur auch als „zweiter Zehnt“ bezeichnet.

Neuntel: eine grundherrliche Naturalabgabe, die vor allem aus Getreide und Wein erhoben wurde. Artikel VI des Dekrets von 1351 schrieb ihre Erhebung durch König, Barone, Adlige und andere Grundherren vor.
Warum heißt es „Neuntel“?
Für das Lernen kannst du dir zehn gleich große Teile vorstellen: Neben dem kirchlichen Zehnt stand eine weitere Zehntportion für den Grundherrn. Diese wurde als Neuntel bezeichnet.
Neuntel und Kirchenzehnt als Lernmodell mit zehn Getreidesäcken
Neuntel und Kirchenzehnt waren zwei verschiedene Abgaben: Das Neuntel ging an den Grundherrn, der Zehnt an die Kirche.
Lernmodell

Stell dir zehn Säcke Getreide vor

1
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3
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6
7
8
9
Grundherr
10
Kirche
9. Sack: grundherrliches Neuntel 10. Sack: Kirchenzehnt

Das ist ein Lernmodell. In der Wirklichkeit richteten sich die Abgaben nach den jeweiligen Erzeugnissen und den mittelalterlichen Wirtschaftsverhältnissen.

2. Hauptbegriff

Avitizität – ererbter Adelsbesitz war an die Sippe gebunden

Urkundenübergabe als Symbol für die Vererbung adligen Grundbesitzes
Ererbter Adelsbesitz war im mittelalterlichen Ungarn eng an Familie und Verwandtschaft gebunden.

Die Avitizität wurde 1351 nicht vollständig neu geschaffen. Die Bindung ererbten Adelsbesitzes an die Sippe war älter. Ludwig änderte jedoch eine Bestimmung der Goldenen Bulle von 1222, die eine freiere Verfügung über bestimmte Güter zugelassen hatte.

Avitizität (ungarisch ősiség): eine historische Rechtsinstitution, die die Vererbung und Veräußerung ererbten Adelsbesitzes beschränkte. Der Besitz blieb grundsätzlich an die Verwandtschaft gebunden; fehlte ein erbberechtigter Nachfolger, konnte er an die Krone zurückfallen.
Warum ist der Begriff auch für das 19. Jahrhundert wichtig?
Im ungarischen Reformzeitalter erschwerte die starke Bindung des Adelsbesitzes unter anderem Kreditaufnahme und freien Grundstücksverkehr. István Széchenyi kritisierte diese Verhältnisse in seinem Werk Hitel.
3. Hauptbegriff

Grundherrengericht – Gerichtsbarkeit auf dem Herrschaftsgut

Eine mittelalterliche Grundherrschaft war nicht nur eine wirtschaftliche Einheit. Der Grundherr übte gegenüber den auf seinem Besitz lebenden Bauern auch bestimmte gerichtliche Befugnisse aus.

Grundherrengericht (ungarisch úriszék): ein Gericht des Grundherrn oder seiner Beauftragten, das in bestimmten Angelegenheiten über die zur Grundherrschaft gehörenden Bauern und Untertanen urteilte.

Das Grundherrengericht entstand nicht erst unter Ludwig I. Es gehört dennoch zu den wichtigen Begriffen der Epoche, weil es die rechtliche Seite der grundherrschaftlichen Abhängigkeit zeigt.

Mittelalterliches Grundherrengericht mit Grundherr, Schreiber und Bauern
Vor dem Grundherrengericht übte der Grundherr oder sein Beauftragter bestimmte richterliche Befugnisse über die Bewohner seiner Herrschaft aus.
4. Hauptbegriff

Adeliger – gleicher Rechtsstand, sehr unterschiedliche Vermögen

Ein mächtiger Baron und ein weniger begüterter Adeliger treffen sich in einem mittelalterlichen Burghof
Adlige gehörten demselben Rechtsstand an, konnten sich in Besitz und politischem Einfluss jedoch stark unterscheiden.
Adeliger: Mitglied des mittelalterlichen Adelsstandes, mit besonderen Rechten und Pflichten.

„Eine und dieselbe Freiheit“

Das Dekret von 1351 betonte, dass die echten Adligen des Königreichs dieselbe Freiheit genießen sollten. Das bedeutete eine gemeinsame Rechtsstellung, nicht aber gleichen Reichtum oder gleichen politischen Einfluss.

Baron / Magnat Große Besitzungen, Ämter, Gefolgsleute und erheblicher politischer Einfluss.
Weniger begüterter Adeliger Deutlich kleinerer Besitz und geringeres politisches Gewicht, aber Zugehörigkeit zum selben Adelsstand.
Weitere wichtige Begriffe

Begriffe, die dir beim Verständnis der Epoche helfen

Historisch genau

Wie stark hängen Pest, Bauernmobilität und Neuntel wirklich zusammen?

In Schulbüchern werden diese Punkte häufig als klare Ursache-Wirkungs-Kette dargestellt. Für das Verständnis ist der Zusammenhang hilfreich – historisch sollte man ihn aber vorsichtiger formulieren.

Was ist sicher?

Pest und Arbeitskräfte gehören zum zeitgeschichtlichen Hintergrund

Die Pest erreichte das Königreich Ungarn spätestens 1349. In einem Europa mit starken Bevölkerungsverlusten konnten Arbeitskräfte und bäuerliche Mobilität wirtschaftlich wichtiger werden. Zugleich sollte die verpflichtende Erhebung des Neuntels verhindern, dass Grundherren diese Abgabe einfach nach Belieben erließen.

Was wäre zu einfach?

„Pest → Arbeitskräftemangel → Neuntelgesetz“

Diese direkte Kette lässt sich für Ungarn nicht sicher aus den Quellen ableiten. Für die Gesetzgebung von 1351 spielten auch ältere Rechtsverhältnisse, die Interessen des Adels, königliche Politik und die Ordnung der Grundherrschaft eine Rolle. Deshalb behandeln wir die Pest als Hintergrund, nicht als einzige Ursache.

Gut auseinanderhalten

Häufige Verwechslungen

Kirchenzehnt ≠ Neuntel Der Kirchenzehnt ging an die Kirche, das Neuntel an den Grundherrn.
Grundherrengericht ≠ Blutgerichtsbarkeit Das Grundherrengericht war die gewöhnliche grundherrliche Gerichtsbarkeit; die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit umfasste besonders schwere Straftaten.
Personalunion ≠ Vereinigung zweier Staaten Ungarn und Polen blieben getrennte Königreiche mit demselben Herrscher.
Adeliger ≠ automatisch reicher Magnat Rechtsstand und Vermögen waren zwei verschiedene Dinge.
Avitizität ≠ 1351 völlig neu erfunden Die Bindung ererbten Besitzes an die Verwandtschaft war älter; 1351 wurde das System durch eine Änderung der Goldenen Bulle weiter gefestigt.
jobbagy ≠ einfach „Leibeigener“ Für das 14. Jahrhundert ist „Bauer unter Grundherrschaft“ in diesem Lernzusammenhang die vorsichtigere Übersetzung.
Zusammenfassung

Die wichtigsten Begriffe auf einen Blick

Neuntel Grundherrliche Naturalabgabe, die 1351 verbindlich geregelt wurde.
Avitizität Bindung ererbten Adelsbesitzes an Familie und Verwandtschaft.
Grundherrengericht Gerichtsbarkeit des Grundherrn in bestimmten Angelegenheiten seiner Untertanen.
Adeliger Mitglied des privilegierten mittelalterlichen Adelsstandes.
Kirchenzehnt Abgabe an die Kirche.
Bauer / jobbágy Bauer auf grundherrlichem Boden mit Abgaben- und Leistungspflichten.
Schwarzer Tod Große Pestwelle des 14. Jahrhunderts.
Blutgerichtsbarkeit Gerichtsbarkeit über schwere Straftaten bis hin zur Todesstrafe.
Personalunion Zwei getrennte Staaten mit demselben Herrscher.